Site logo

Der Copytexter

Wrangelkiezblatt
Einer von mehreren Artikeln für eine regelmäßig erscheinende Kiezzeitung, herausgegeben vom senatsgeförderten Quartiersmanagement
 

Lichtblicke im Kiez: Das Kinderkino Kreuzberg

In den 24 Jahren seines Bestehens ist das Kinderkino Kreuzberg zu einer festen Institution im Wrangelkiez geworden. Aber was genau passiert da eigentlich? Und wer steckt dahinter? Der Copytexter hat das "KIKI" besucht.

Sonntag Mittag. Ein idyllischer Hinterhof in der Görlitzer Straße. Absolute Stille. Von Kindern oder Kino keine Spur. Bin ich hier richtig? Ein kleines Schild weist auf die etwas versteckt liegende Tür: "KIKI 1. St." Aha. Im Treppenhaus sind von oben plötzlich Kinderstimmen zu hören. Und während ich langsam die Stufen in den ersten Stock hinauf steige, bleibt mein Blick immer wieder an den sorgfältig aufgeklebten Filmplakaten haften. Pippi Langstrumpf, Emil und die Detektive, Tigger und Winnie Puuh ... Alles klar, hier muss es sein.

Oben angekommen begrüßt mich Charlie Chaplin fast lebensgroß von der Innenseite einer weit geöffneten Tür. Ich verstehe die Geste als freundliche Aufforderung und trete in den winzigen Vorraum, der Kinokasse, Büro und Caféteria zugleich ist. Auch hier viele Plakate, ein Tisch, drei Stühle - und zwei Menschen. Erwachsene. Die Kinder, so sehe ich jetzt, befinden sich in dem großen Vorführ-, Spiel- und Aufenthaltsraum dahinter. Zehn, fünfzehn mögen es zu diesem Zeitpunkt sein, wer weiß das schon genau. Es ist ja auch noch früh, der Film beginnt erst in einer halben Stunde.

Reiner Bernhagen begrüßt mich und stellt mir Carola Hasselbarth vor, seine Mitstreiterin. Die beiden bilden den verbliebenen Rest einer Gruppe von ehemals elf Leuten, die in den 80er Jahren mit viel Enthusiasmus den Verein Kinderkino Kreuzberg e. V. gegründet und die Räumlichkeiten in dem ehemals besetzten Haus ausgebaut haben. Die Zahl der Aktiven ist im Laufe der Zeit deutlich kleiner geworden, die Ansprüche sind geblieben. "Wir wollen den Kindern ein wenig Raum geben, Alternativen zum kommerziellen TV-Programm bieten und über die Auswahl der Filme auch ein wenig zum Nachdenken und Diskutieren anregen" sagt Reiner Bernhagen. Pädagogisch wertvoll und trotzdem unterhaltsam? Es scheint zu funktionieren. Inzwischen tummeln sich schon mehr als zwanzig Kinder in dem großen Raum. Eine Mutter und zwei Väter. Noch zwanzig Minuten.

Jeden Sonntag Vorstellung, Woche für Woche, auch über die Ferien, außerdem jährlich rund 100 Sondervorführungen für Kitas, Schulen und so weiter, dazu gelegentlich Veranstaltungen größeren Rahmens wie thematische Filmwochen und ähnliches. Ein ehrenamtlicher Halbtagsjob also, zusätzlich zum Broterwerb, der ja auch nicht leichter geworden ist. Und das alles seit mehr als 20 Jahren. Wird man da nicht irgendwann müde?

Doch, klar, sagt Reiner Bernhagen, und Carola Hasselbarth nickt zustimmend, solche Phasen habe es schon gegeben. Besonders, nachdem vor drei Jahren alle öffentlichen Gelder gestrichen wurden. Sparmaßnahmen. Seit dem müssen sie um jeden Cent kämpfen. Existenzminimum sind 12.000 Euro pro Jahr. Die Hälfte erwirtschaften sie selber, die andere Hälfte - nun ja. Ohne die Unterstützung der Hauseigentümergemeinschaft, die zwei Jahre auf die ohnehin geringe Miete verzichtet hat, wäre das Fortbestehen des KIKI kaum möglich gewesen.

Geholfen hat aber auch das Quartiersmanagement. Mit Zuschüssen zum Unterhalt und Übernahme der Kosten für eine moderne Videoanlage. Denn viele Filme sind nur noch auf DVD verfügbar, der alte 16-mm-Projektor bleibt immer häufiger ungenutzt. Weitere Unterstützung wäre natürlich sehr willkommen. Das muss nicht immer nur Geld sein. Auch helfende Hände würden gebraucht. Oder Sachspenden. Spiel- und Bastelmaterial zum Beispiel. Schon lange ganz oben auf der Wunschliste der Kinder: Ein richtiger Kicker-Tisch. Wer weiß - vielleicht, irgendwann ...

Der ständige Existenzkampf, die viele Freizeit - warum tut sich jemand sowas an? Reiner Bernhagen lächelt und zuckt die Schultern. Es macht uns ja immer noch Spaß, stellt er fest, und wieder stimmt Carola Hasselbarth nickend zu. Und solange die Kinder das Angebot weiter so gut annehmen - wie soll man da aufhören? Es würde was fehlen im Kiez.

In der Tat. Rund 30 Kinder sitzen mittlerweile gespannt auf Ihren Stühlen. Einen Euro haben sie für das Sonntagsvergnügen bezahlt, die Erwachsenen zwei. 14 Uhr. Das Licht geht aus, der Vorhang schiebt sich zur Seite und gibt die Leinwand frei. Es wird mucksmäuschenstill im Raum. Film ab! Ich werfe verschämt noch etwas Kleingeld in die Spendenbüchse und mache mich nachdenklich auf den Heimweg.

[Kontakt]